Reform der zweiten Säule: breite Allianz schlägt vernünftigen Mittelweg vor

Niedrigzinsen und Demographie führen dazu, dass die 2. Säule der Beruflichen Vorsorge saniert werden muss. Der Bund hat einen Reformvorschlag präsentiert, der jedoch unnötig teuer ist und das bisher bewährte System der 3 Säulen über den Haufen wirft. Das Modell des Gewerbeverbands Modell trägt den Anliegen der Arbeitnehmerseite nicht genügend Rechnung. Deswegen schlägt der Schweizerische Baumeisterverband mit weiteren Verbänden einen vernünftigen Mittelweg vor, der mehrheitsfähig ist.

Das Schweizer System der Altersvorsorge ruht auf drei Säulen. AHV, Berufliche Vorsorge und Privatvorsorge. Die Schweizer und Schweizerinnen leben immer länger, d.h. sie benötigen mehr Geld, um ihre Pension bestreiten zu können. Gleichzeitig sind die Zinsen seit vielen Jahren sehr tief, so dass es schwierig ist, das benötigte Geld anzusparen. Deswegen muss auch die 2. Säule der Beruflichen Vorsorge reformiert werden.

Der Bundesrat hat einen Reformvorschlag vorlegt, der sich sehr stark am Modell von den Gewerkschaften und dem SAV orientiert. Es enthält zwar gute Elemente, ist jedoch aufgrund der vorgeschlagenen Einführung eines Umlageverfahrens sehr teuer und der damit verbundenen Vermischung der Säulen aus Sicht des SBV nicht mehrheitsfähig. Das vom Schweizerischen Gewerbeverband sgv präsentierte zweite Modell ist wesentlich günstiger, berücksichtigt aber nicht zu genüge die Anliegen der Arbeitnehmer, um mehrheitsfähig zu sein.

Um einen vernünftigen, mehrheitsfähigen Mittelweg zu präsentieren, haben sich der Schweizerische Baumeisterverband, Swiss Retail Federation und der Verband Arbeitgeber Banken zusammengeschlossen.

Wie funktioniert die 2. Säule?

Bevor der Mittelweg im Detail vorgestellt wird, erklären wir an dieser Stelle rasch die Funktionsweise der 2. Säule. Nehmen wir einmal an, der AHV-Lohn liege bei 100 000 Franken. Nun wird nicht der gesamte Betrag in der 2. Säule versichert. Das Gesetz schreibt lediglich vor, dass nur der Lohn zwischen 24 885 Franken («Koordinationsabzug») und 85.320 Franken versichert werden muss, dementsprechend ist die Rede vom Obligatorium. Die Pensionskassen sind frei, auch den Teil des Lohns zu versichern, der über der oberen Grenze liegt («Über-Obligatorium»).

Auf Obligatorium und Über-Obligatorium werden BVG-Beiträge entrichtet, die sogenannten Altersgutschriften. Dabei handelt es sich Prozentwerte, die vom Alter abhängen. Je älter man ist, desto höher der Prozentwert. Die Altersgutschriften werden von Arbeitnehmer und Arbeitgeber gezahlt. Der Arbeitgeber muss mindestens für die Hälfte aufkommen. Die Altersgutschriften werden an die Pensionskasse überwiesen, sie investiert die Gelder und spart damit das Altersguthaben an. Bei Pensionsantritt erhält der Arbeitnehmer das Altersguthaben zumeist als Rente ausbezahlt. Hier kommt der Umwandlungssatz ins Spiel. Er ist für das Obligatorium gesetzlich festgeschrieben und liegt derzeit bei 6.8 Prozent: je 100 000 Franken Altersguthaben erhält der Arbeitnehmer eine Jahresrente von 6800 Franken. Beim Überobligatorium kann die Pensionskasse den Satz frei wählen, er ist meist tiefer als beim Obligatorium.

Die Kritikpunkte am Bundesrat-Vorschlag

Vereinfacht gesagt, spart in der 2. Säule jeder Arbeitnehmer Kapital für seine eigene Pension an. In der 1. Säule der AHV hingegen gilt die Umverteilung: jetzige Arbeitnehmer zahlen in einen gemeinsamen Geldtopf ein, aus dem die Renten der derzeitigen Pensionäre bezahlt werden. Diese Trennung der Säulen hat sich bewährt. Der Bundesrat möchte sie nun ohne Not aufbrechen.

Der Bundesrat möchte in der 2. Säule einen Rentenzuschlag einführen. Die ersten 15 Rentnergenerationen würden zwischen 100 Franken und 200 Franken erhalten – jeden Monat, ein Leben lang. Und ganz unabhängig davon, wie hoch ihre Rente bereits ist. Warum aber auch Grossverdiener einen Rentenzuschlag erhalten sollen, bleibt schleierhaft. Der Bundesrat nimmt die Giesskanne in die Hand. Finanziert soll der Rentenzuschlag werden, indem Arbeitnehmern zusätzlich 0.5 Prozent von ihrem AHV-Lohn abgezwackt wird (je hälftig von Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen). Dies ist Umverteilung à la 1. Säule. Sie hat aber in der 2. Säule nichts zu suchen. Wegen dieser Umverteilung verursacht der Bundesrat-Vorschlag Mehrkosten von über 3 Milliarden Franken pro Jahr im Vergleich zu heute.

Unser Mittelweg: Keine Vermischung – keine Giesskanne

«Unser vernünftiger Mittelweg hält hingegen an der bewährten Trennung zwischen der 1. und 2. Säule fest und führt keine systemfremde und teure Umverteilung ein. Damit verzichtet der vernünftige Mittelweg auf Elemente, die vor dem Volk erst vor kurzem bei der Altersreform 2020 durchgefallen sind. Dies macht ihn im Gegensatz zum bundesrätlichen Vorschlag mehrheitsfähig», schreibt der SBV in einer Mitteilung.

Wenn die Reform wie voraussichtlich am 1. Januar 2021 in Kraft tritt, dann wird der Umwandlungssatzes von derzeit 6.8 Prozent sofort auf 6.0 Prozent gesenkt. Wie beim Bundesrat sieht auch der Mittelweg diese Senkung vor. Die Folge davon ist, dass die Neurentner statt 6800 Franken noch 6000 Franken Jahresrente je 100 000 Franken Altersguthaben erhalten. Diesen Verlust können gerade die Rentner in einer Übergangsgeneration vor der Pensionierung kaum aus eigener Kraft aufholen, weil ihnen schlicht die Zeit fürs Sparen fehlt.

Für diesen Verlust werden sie zielgenau kompensiert, so dass ihr Rentenniveau aufrecht erhalten wird. Dies geschieht, indem das Altersguthaben der betroffenen 10 Übergangsgeneration gestaffelt und prozentual angehoben wird, so dass passgenau der Verlust durch die Senkung des Umwandlungssatzes kompensiert wird. Finanziert wird diese Kompensationsmassnahme durch bereits bei den betroffenen Pensionskassen vorhandenen Rückstellungen. Die Pensionskassen mussten diese Rückstellungen bilden für den Fall bereits, dass wenn den Pensionierten Verluste durch die Senkung des angewendeten Umwandlungssatzes entstehen würden. Je weiter künftige Rentner vom Rentenalter noch entfernt sind, umso mehr können Massnahmen greifen, mit denen das Rentenniveau beispielsweise durch längeres Sparen auf dem heutigen Niveau gehalten werden kann.

Mittelweg für die Generationen

Heutzutage sparen Arbeitnehmer erst ab einem Alter von 25 Jahren in die 2. Säule ein. Auch der Vorschlag des Bundesrats sieht diesbezüglich keine Änderung vor. Unser Mittelweg hingegen nutzt die Zeit und ermöglicht es den 20- bis -24-Jährigen erstmals, über die 2. Säule für ihre Pension vorzusorgen. Dies eröffnet die Möglichkeit, früh mit dem Sparen zu beginnen.

Der Mittelweg sieht zudem vor, die Altersgutschriften für 55- bis 65-Jährige von heute 18 Prozent auf 16 Prozent zu senken. Damit sinken die Lohnnebenkosten, was die Situation auf dem Arbeitsmarkt für ältere Arbeitnehmer verbessert.

Die technischen Parameter

Die folgende Tabelle zeigt die technischen Parameter des vernünftigen und mehrheitsfähigen BVG-Mittelwegs. Zum Vergleich sind auch die Vorschläge des Bundesrats und des Gewerbeverbands aufgeführt.

Parameter Bundesrat Der vernünftige BVG Mittelweg Gewerbeverband
Mindestumwandlungssatz 6.0% 6.0% 6.0%
Koordinationsabzug 12.445 CHF 60% AHV-Lohn, max 21.300 CHF 24.885 CHF
Altersgutschriften
20 - 24 Jahre 0% 9% 0%
25 - 34 Jahre 9% 9% 9%
35 - 44 Jahre 9% 12% 14%
45 - 54 Jahre 14% 16% 16%
55 - 64 Jahre 14% 16% 18%
Rentenzuschlag 200 CHF / Monat (Giesskanne) Gezielte Kompensation für Übergangsgeneration Gezielte Kompensation für Übergangsgeneration
Lohnbeitrag AHV 0.5% 0.0% 0.0%
Mehrkosten pro Jahr 3.05 Mrd. CHF 1.6 Mrd. CHF 1.3 Mrd CHF
Auswirkungen für Bauhauptgewerbe

Was bedeuten die technischen Parameter konkret für Arbeitgeber und Arbeitnehmer? Sie bedeuten über alle Modelle in erster Linie, dass beide Seiten höhere Beiträge an die Pensionskassen leisten werden, d.h. es kommen unweigerlich Mehrkosten auf sie zu. Für den einzelnen Beschäftigten hängen die Mehrkosten von seinem AHV-Lohn und seinem Alter zum Zeitpunkt des Reformeintritts ab.

Salopp formuliert, bedeutet der Vorschlag des Bundesrats für das Bauhauptgewerbe: mehr bezahlen, aber nichts bekommen. Der Mittelweg hingegen bedeutet: mehr bezahlen, aber auch mehr bekommen.

Der durchschnittliche Arbeitnehmer im Bauhauptgewerbe sammelt in seiner Karriere im Alter von 20 bis 60 Jahren ein Altersguthaben von etwa 226 500 Franken an. Dies entspricht einer BVG-Jahresrente von 15 400 Franken. Sowohl der Mittelweg als auch der Bundesratsvorschlag bedeuten für den durchschnittlichen Arbeitnehmer Mehrkosten von 22 Prozent über seine Karriere. Der Mittelweg baut jedoch seine Jahresrente aus auf 16 650 Franken. Bei der Vorlage des Bundesrats hingegen steigt die Rente nur minimal auf 15 600 Franken. Der Bundesratsvorschlag bedeutet: mehr zahlen, aber nicht mehr dafür bekommen. Beim Mittelweg hingegen steigen die Rentenleistungen bei denselben Kosten. Der Grund für diesen deutlichen Unterschied liegt in den unterschiedlichen technischen Parametern.

Ein anderes Beispiel: Bauarbeiter ohne Fachkenntnisse (Lohnklasse C). Wenn ein Bauarbeiter seine gesamte Karriere in dieser Lohnklasse verbringt, so würde seine Jahresrente laut Bundesratsvorschlag um immerhin 10 Prozent steigen. Aber: seine Mehrkosten steigen um 32 Prozent. Und auch nur unter der Annahme, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils die Hälfte der Pensionskassenbeiträge zahlen. Häufig tragen Arbeitgeber aber 2/3 der Beiträge, Arbeitnehmer bloss 1/3. In diesem Fall steigen die Mehrkosten für den Arbeitnehmer sogar um 36 Prozent - dem «solidarischen» Rentenzuschlag von 0.25 Prozent auf seinen Lohn sei Dank. Beim Mittelweg hingegen würden seine Mehrkosten weniger als 30 Prozent betragen und seine Rente steigt um 14 Prozent. Damit finden auch die Mitarbeitenden in den unteren Lohnklassen im Bauhauptgewerbe ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis beim Mittelweg vor als beim Bundesratsvorschlag.

Auswirkungen auf die ganze Schweiz

Die Löhne im Bauhauptgewerbe sind im Vergleich zu anderen Branchen in der Schweiz sehr gut. Wie wirken sich daher die Reformvorschläge auf die Renten schweizweit aus?

Sowohl beim Bundesratsvorschlag als auch beim Mittelweg gibt es manche Arbeitnehmer, deren Renten steigen werden, und andere, bei denen die Renten sinken.

Wenn jemand beispielweise in Teilzeit arbeitet und 20 000 Franken verdient, so baut er überhaupt kein BVG-Altersguthaben auf, weil er unter der Eintrittsschwelle liegt. Dies gilt heute und wird auch künftig gelten, egal welcher Reformvorschlag sich durchsetzt. Beim Bundesratsvorschlag würden aber dem Teilzeitarbeiter neu 0.25 Prozent von seinem Lohn abgezogen wegen des Arbeitnehmeranteils zur Finanzierung des Rentenzuschlags.

Junge 20-Jährige verdienen in der Regel noch nicht ganz so viel. Vielleicht 30-, 40-, 50-Tausend Franken pro Jahr. Aber auch sie können mit dem Mittelweg eine höhere Rente erwarten als im heutigen System.

Je nach Alter und Gehalt bei Reformbeginn würden die Renten beim Bundesratsvorschlag für manche Arbeitnehmer um mehrere Hundert Franken pro Jahr sinken.

Martin Maniera, Ökonom, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Politik

Über den Autor

pic

super admin

[email protected]

Artikel teilen