Auch die Angestellten leiden unter den Auswirkungen zu hoher Mindestlöhne

Für viele Baumeister stellen die Lohnkosten die grössten Ausgaben dar. Steigen diese zu stark an, hat das nicht nur für die Unternehmer negative Konsequenzen, sondern auch für die Arbeitnehmenden. 

Über den Mindestlohn von 23 Franken, den das Genfer Stimmvolk kürzlich angenommen hat, ist viel geschrieben worden, denn es ist im Vergleich mit anderen Kantonen, die ebenfalls einen Mindestlohn eingeführt haben, der mit Abstand der höchste der Schweiz. Und doch verblasst er förmlich neben den Löhnen des Bauhauptgewerbes, die als die höchsten Handwerkerlöhnen gelten. So zahlen die Genfer Baumeister einen Stundenlohn von 26.75 Franken für einen Bauarbeiter ohne Fachkenntnisse, während der Mindestlohn eines Maurers mit EFZ bereits 32.90 Franken beträgt.

Zu hohe Mindestlöhne schaden jedoch der Beschäftigung, und dies auch zu normalen Zeiten ohne Pandemie, wie verschiedene Studien zeigen. So hat eine Studie der Università della Svizzera Italiana gezeigt, dass die Beschäftigungszahl im Bauhauptgewerbe proportional abnimmt, je grösser die Anzahl Arbeitnehmender ist, die von einer Erhöhung des Mindestlohns profitieren. Basierend auf dieser Studie würde eine allgemeine Lohnerhöhung von 100 Franken, wie sie die Gewerkschaften für das nächste Jahr anfänglich gefordert haben, bedeuten, dass ungefähr 3 Prozent der Arbeitnehmenden in unserer Branche ihre Stelle verlieren würden. Und dies zusätzlich zu den Auswirkungen der Coronakrise.

Mindesteinkommen verschärft den Fachkräftemangel 

Neben den negativen Auswirkungen auf die Beschäftigung bremsen zu hohe Mindestlöhne auch die Produktivität und tragen dazu bei, dass gut ausgebildete Arbeitskräfte, also jene, die wir am dringendsten brauchen, unsere Branche verlassen.

Im Verlauf der vergangenen 20 Jahre ist die Produktivität in unserer Branche real um lediglich 0.1 Prozent gestiegen, im Vergleich zu 0.7 Prozent im schweizweiten Vergleich. Die Fair-Wage-Hypothese des Wirtschaftsnobelpreisträgers George Akerlof und der ehemaligen Chefin der FED Janet Yellen zeigt den Mechanismus auf, der zu diesem Missverhältnis führt.

Dank eines hohen Mindestlohns verdienen Schlechtausgebildete zwar mehr als auf dem freien Arbeitsmarkt, wo sich der Lohn an der Produktivität orientiert, aber die hohen Kosten müssen kompensiert werden, damit die Unternehmen profitabel bleiben. Das bedeutet, dass diese ihre gut ausgebildeten, produktiven Angestellten nicht angemessen entlöhnen können. Gutausgebildete verdienen somit weniger als auf dem freien Arbeitsmarkt. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und arbeiten weniger effizient oder verlassen die Branche.

Hindernis für die Ausbildung des Personals 

Es gibt aber auch für Schlechtausgebildete eine Kehrseite der Medaille. Das konstante Lohnwachstum zwischen 2004 und 2019 (real +0.6% im jährlichen Durchschnitt) hat die Ausgaben der Baumeister stark ansteigen lassen, und dies bei auf tiefem Niveau stagnierenden Margen von 2 bis 3 Prozent (gegenüber 7% im Schweizer Durchschnitt). Aufgrund der immer höheren Lohnkosten haben die Unternehmen immer weniger Mittel sowohl für die Rekrutierung neuer Mitarbeitenden als auch für die Ausbildung ihres Personals, und damit für dessen Entwicklung.

Auswirkungen auch auf die Anzahl Lernenden 

Obschon für die Lernenden andere Regeln gelten, leiden auch sie unter den Auswirkungen zu höher Mindestlöhne, wie eine Studie der Universität Hamburg zeigt. So haben die zuständigen Wissenschaftler herausgefunden, dass die Einführung eines Mindestlohns im deutschen Bauhauptgewerbe zu einem Rückgang der Anzahl neuer Lernenden von 8 Prozent führte.

Damit steigt das Risiko, dass die Anzahl Lernenden auf Kosten der schlechtausgebildeten Arbeitnehmenden schrumpft und damit den Fachkräftemangel im Bauhauptgewerbe noch weiter verstärkt.

Corine Fiechter und Martin Maniera 

Über den/die Autor/in

pic

Corine Fiechter

Kommunikationsverantwortliche SBV Romandie

[email protected]

Artikel teilen