Der Schlüssel zum Erfolg ist Zuneigung

Champions von morgen…! - Die Hallwyler-Gruppe lässt ein Mehrfamilienhaus von Lernenden erstellen. So können sie Arbeiten wie das Mauern ohne Zeitstress erlernen. Der Effekt ist überraschend.

 

Eigentlich, fanden die meisten Poliere, sei ein junger Lernender der Gebr. Hallwyler AG, Rothrist, nicht für den Maurerberuf geeignet. «De chasch ned bruuche», lautete ihr Urteil. Der junge Mann überstand das erste Lehrjahr mit Ach und Krach. Dann begann er auf der «Lehrlingsbaustelle» in Rothrist, war also am Gebäude tätig, das von Lernenden unter der Führung des erfahrenen Poliers Remo Nyffeler erstellt wird. «Man kann nicht sagen, dass der Lehrling eine Leistungssteigerung vollzog. Es gab eine Leistungsexplosion, wie bei allen», weiss Ivan Kym, Baumeister und Lehrlingsverantwortlicher bei den Hallwyler Baubetrieben. Auf einmal war der Lernende der beste Maurer im Team «und nun wollen ihn alle Poliere», so Kym. Den an der Geschichte auch freut, « dass der junge Mann jetzt, da er Erfolg hat, jeden Tag motiviert und pünktlich zur Arbeit erscheint und Freude an ihr hat.» Der Schlüssel zum Erfolg in der Lehrlingsausbildung «ist die Zuneigung», sagt Kym. «Die jungen Leute müssen Wertschätzung erfahren. Nur so können sie reüssieren.» Der das sagt, weiss, was eine gute Leistung ist, nicht nur im Beruf. Er selbst ist der beste Trommler der Schweiz und sein Sohn ist auf dem Weg zum Profispieler im Tennis. Eine mittelmässige Leistung hochzujubeln, ist nicht seine Sache.

Lernen voneinander

Das Problem auf den Baustellen sei die mangelnde Zeit, findet er. «Alle sind unter Termindruck, es gibt keine Zeit, um Fehler auszubügeln. Entsprechend sind auch die jungen Leute unter Druck», weiss Kym. «Wer einen introvertierten Charakter hat, fragt oftmals nicht mehr nach und kommt so nicht weiter. Auf der Lehrlingsbaustelle sind Fragen und Fehler erlaubt. Sie sind auch schon vorgekommen. Wir mussten eine krumm gewordene Mauer zurückbauen und neu mauern.» Gerade für das Mauern, das dem Beruf den Namen gebe, bleibe häufig zu wenig Zeit, hat Kym beobachtet. «Die Lernenden praktizieren das Mauern an Übungsobjekten, nicht auf der Baustelle, wo Akkordmaurer zum Einsatz kommen . Bei uns auf der Lehrlingsbaustelle können sie es üben.»

«Wir lernen hier viel mehr als anderswo», stellt Lucas Schürch, 2. Lehrjahr, fest. «Wir machen hier alle anfallenden Arbeiten selbst. So lernen wir sie auch. Und wenn man nicht weiss, wie man etwas macht, dann zeigen es ihm die Anderen.» Für Kym war die Art und Weise, wie die Lernenden miteinander umgehen, eine Überraschung. «Sie helfen einander, sie unterstützen sich. Ich hätte nie gedacht, dass das so gut klappen würde.» Die Atmosphäre auf dem Bau ist beim Besuch der Berichterstatterin tatsächlich sehr gut, trotz schlechten Wetters. Julio Cardoso erzählt: «Ich bin nun seit zehn Wochen auf dieser Baustelle, seit den Sommerferien. Ursprünglich absolvierte ich eine Maurerlehre EFZ, musste aber auf dieses Schuljahr hin, aufgrund meiner schulischen Leistungen, auf EBA wechseln. Seit ich hier arbeite, geht es mir sehr gut. Meine schulischen Leistungen haben sich dadurch deutlich verbessert.»

Gefragte Leute

Das Selbstwertgefühl bei den Lernenden sei gestiegen, hat Kym beobachtet. Die gute Leistung der Lernenden hat sich im Betrieb herumgesprochen. «Früher musste ich die Poliere anbetteln, damit sie einen Lernenden auf ihre Baustelle nehmen. Heute fragen sie mich an, sogar, wenn sie jemanden brauchen, der mauert. Das ist auch für die Lernenden sehr befriedigend.»

So sehr Kym die Lehrlingsbaustelle lobt, so weiss er doch, dass sich die allermeisten Baustellen nicht für solche Experimente eignen. «Der Bauherr des Mehrfamilienhauses, das wir erstellen, ist die Hallwyler Liegenschaften AG, also unsere eigene Firma. Anders wäre es gar nicht möglich», sagt er. Zudem könnten nur grössere Unternehmen eine solche Lehrlingsbaustelle stemmen. «Es braucht eine grössere Anzahl von Lernenden auf der Baustelle, damit es vorwärts geht. Die Lernenden sind ja langsamer als gestandene Berufsleute mit einer langjährigen Erfahrung.»

Die Idee für die Lehrlingsbaustelle hatten Roland und Kurt Hallwyler. Ausser Polier Remo Nyffeler und Kranführer Sascha Schmied arbeiten ausschliesslich Lernende auf der Baustelle. Während der gesamten Bauzeit werden 50 Lernende aus 28 Betrieben vom Maurer bis zum Gärtner auf der Baustelle tätig sein.

Von jedem Lernenden hat die Gebr. Hallwyler AG eine Blache mit seinem Foto erstellen lassen und an der Absperrung zur Baustelle aufgehängt. Nach Vollendung der Arbeiten, kann jeder seine Baustellenblache mit dem eigenen Konterfei nach Hause nehmen. Das ist eine spezielle Erinnerung, die von den Lernenden sehr geschätzt wird.

Generation Z

Die Lernenden führen auf Instagram einen Blog über ihren Baustellenalltag. Der Werbeeffekt für den Maurerberuf ist dabei enorm! «Ich gehe fast unter in den Anfragen für eine Schnupperlehre», sagt Kym mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Über den/die Autor/in

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Susanna Vanek

Redaktion «Schweizer Bauwirtschaft»

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