«Der Vorrang des tiefsten Preises wird fallen»

Die Rahmenbedingungen des Bauens verändern sich rasant: Gian-Luca Lardi, Zentralpräsident des Schweizerischen Baumeisterverbandes, über neue Beschaffungsregeln der öffentlichen Hand,die Teilrevision des CO2-Gesetzes und die fortschreitende Digitalisierung. Das Interview erschien zum ersten Mal im Kundenmagazin Kick off des Unternehmens Swisspor. 

 

Die Corona-Pandemie hat die Bauwirtschaft hart getroffen. Im zweiten Quartal lag der Umsatz des Bauhauptgewerbes so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Beunruhigt Sie das, Herr Lardi? 

Gian-Luca Lardi: Unsere Unternehmen müssen mit Einbussen leben. Aber es gilt, ehrlich zu sein: Andere Branchen, zum Beispiel der Tourismus, leiden viel mehr. Ich gehe nicht davon aus, dass wir in eine strukturelle Krise geraten. Der Hochbau wird in den kommenden Jahren etwas schrumpfen, aber die Infrastrukturinvestitionen werden zunehmen, weil wir hier einen grossen Nachholbedarf haben. Die Risiken sind heute grösser als vor einigen Jahren, aber wir dürfen vorsichtig optimistisch in die Zukunft schauen.

Um die Bautätigkeit nach dem Lockdown wieder in Schwung zu bringen, hat der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) im Mai einen Fünf-Punkte-Plan präsentiert. Er forderte «bedürfnisorientierte Investitionen » der öffentlichen Hand. Hat es genützt?

Das Wort des SBV hat durchaus Gewicht. Wir vertreten 80 000 Mitarbeitende, die zusammen 20 Milliarden Franken umsetzen. Noch besser würde man die Baubranche in der politischen Arena allerdings hören, wenn sie mit einer Stimme sprechen würde. Das Haupt- und Ausbaugewerbe steht für rund zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts. Der SBV versucht immer wieder, die zahlreichen zersplitterten Nachbarverbände für gemeinsame Anliegen zu sensibilisieren. Leider kommen wir nicht so schnell voran, wie es wünschbar wäre.

Am 1. Januar tritt das Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen (BöB) in Kraft. Der SBV spricht von einem «Paradigmenwechsel». Weshalb?

Stand heute ist der Preis bei öffentlichen Ausschreibungen das einzig massgebende Kriterium. Das hat über die Jahre zu einem sehr eingeschränkten Angebot geführt. Ich erkläre die Situation gerne mit einem Vergleich aus dem Detailhandel. Stellen Sie sich vor, es gäbe nur Hard-Discounter. Es wäre eine Einkaufswelt ohne dreilagiges WC-Papier, ohne Vollkornprodukte, Biomilch und Kleider mit Nachhaltigkeitssiegel. Wir haben in der Bauwirtschaft einen Zustand, den die Schweizer Konsumenten in ihrem Alltag nicht akzeptieren würden.

Wird sich das mit dem neuen BöB ändern? 

Wir sind nicht naiv. Es wird dauern. Aber ich bin überzeugt, dass der generelle Vorrang des tiefsten Preises fallen wird.

Von einem Killerargument Preis ist allerdings auch im alten BöB von 1994 nicht die Rede … 

Es werden auch andere Zuschlagskriterien genannt, das ist richtig. In der Realität sind sie aber so gut wie bedeutungslos. Der SBV hat dies anhand von statistischen Daten analysiert: In der Schweiz gehen 95 Prozent der öffentlichen Aufträge an den billigsten Anbieter.

In den 80er-Jahren ging es dem Gesetzgeber darum, Preisabsprachen der Anbieter zu unterbinden und generell das öffentliche Submissionswesen transparenter zu gestalten. Ist das heute nicht mehr nötig?

Es war damals eine andere Zeit: Wir kamen aus einer kartellierten Wirtschaft. Die Idee des ersten BöB war lobenswert. Aber man hat übersteuert. Die Revision war überfällig.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

In den letzten 20 Jahren haben die öffentlichen Verwaltungen ihr internes Controlling stetig ausbauen müssen. Das mag politisch legitim sein, führte aber in den Bauämtern zu einer Kultur der Fehlerumgehung durch Verantwortungsvermeidung. Ein Mitarbeiter, der seinen gesetzlich vorgesehenen Handlungsspielraum ausnützt, muss damit rechnen, dass er im Zuge einer Kontrolle Rechenschaft ablegen muss. Sein Kollege, der bei der Auftragsvergabe ausschliesslich auf den billigsten Preis schaut, ist stets fein raus.

Neu können bei der Bewertung einer Offerte die preisunabhängigen Kriterien mit über 50 Prozent gewichtet werden. Das setzt Fachwissen voraus. Haben die Bauämter dieses Know-how?

Wenn das System funktionieren soll, muss sicher auch die Verwaltung Kompetenzen aufbauen. Denn das Ziel der Übung ist ja nicht einfach ein höheres Preisniveau. Der Gesetzgeber will den heutigen Preiswettbewerb durch einen Qualitäts- und Innovationswettbewerb ersetzen.

Der Bund und seine Regiebetriebe stehen für rund ein Fünftel des öffentlichen Auftragsvolumens. Was passiert auf der Ebene der Kantone und Gemeinden?

Im Interkantonalen Organ für das öffentliche Beschaffungswesen (InöB) besteht politischer Konsens, dass die neuen Submissionsregeln auch auf kantonaler und kommunaler Ebene massgebend werden sollen. Einige Kantone haben mit der Umsetzung bereits angefangen.

Bleibt die Frage nach den privaten Investoren. Werden auch sie sich am neuen BöB orientieren? 

Mit den privaten Bauherrschaften – vor allem mit den institutionellen – sind wir im Gespräch. Generell gilt, dass die öffentliche Hand im Bau eine Vorbildfunktion hat. Ausserdem findet eine Praxis, die sich bewährt, mittelfristig auch Eingang ins Normengefüge.

Für eine langfristige Qualitätssteigerung auf dem Bau braucht es nicht nur die Bauherren, sondern auch die Planer und die Ausführenden. Werden sie die neue Ausgangslage nutzen und hochwertigere Angebote machen?

Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC) hat eben erst eine umfassende Studie zur Schweizer Bauwirtschaft veröffentlicht. 90 Prozent der befragten Betriebe gaben an, dass sie die mangelnde Differenzierung ihrer Marktleistungen als eine zentrale Herausforderung sehen. Das unternehmerische Bedürfnis, sich mit innovativen Dienstleistungen und Produkten zu positionieren, ist da.

Obwohl sie seit Jahren einen Reduktionskurs verfolgen, sind die Bauwirtschaft und ihre Kunden für 40 Prozent der Schweizerischen CO2-Emissionen verantwortlich. Im Oktober hat das Parlament eine Revision des CO2-Gesetzes verabschiedet, mit der die Schweiz ihren Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen nachkommt. Der Schweizerische Gewerbeverband hat das Referendum ergriffen, der SBV hingegen unterstützt die Reform. Warum?

Für uns überwiegen die Vorteile. Positiv am neuen CO2-Gesetzm ist in erster Linie die Vorgabe, die Sanierungsquote auf dem Immobilienstandort Schweiz auf drei Prozent zu erhöhen; das entspricht praktisch einer Verdoppelung. Ausserdem gehen wir davon aus, dass über den neuen Klimafonds auch mehr Geld für Sanierungsanreize – zum Beispiel via Gebäudeprogramm – zur Verfügung stehen wird. Ganz klar negativ zu Buche schlagen die steigenden Treibstoffpreise: Für das Bauhauptgewerbe mit seinem schweren Maschinenpark wird das erhebliche Mehrkosten nach sich ziehen.

Die Bauwirtschaft gilt als konservativ und ökologisch wenig sensibel …

Falsch. Nehmen Sie das Beispiel Feinstaubbelastung: Unsere Unternehmen haben rund eine Milliarde Franken ausgegeben, um auf Lastwagen und Baumaschinen Partikelfilter zu installieren. Dadurch ist es gelungen, die Feinstaubemissionen um Faktoren zu drücken. Eine Erfolgsgeschichte!

Das revidierte CO2-Gesetz belohnt Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften. An welchen Stellschrauben kann ein Bauunternehmer drehen?

Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, den ökologischen Fussabdruck des Bauens zu reduzieren: von der Wahl rezyklierbarer Materialien bis zum Einsatz von sparsamen – zum Beispiel elektrisch betriebenen – Geräten.

Die bereits zitierte Studie von PwC zeigt, dass die Mehrzahl der Bauunternehmen trotz hoher Umsätze kaum Gewinne erzielt. Woher soll das Geld für nachhaltige Unternehmensstrategien kommen?

Womit wir wieder beim Beschaffungswesen wären: Der ausschliessliche Blick auf den Preis drückt in unserer Industrie die Margen. Folglich fehlt das Geld für Investitionen, was die Unternehmen wiederum zwingt, mit Tiefpreisangeboten Umsätze zu bolzen.

Gewinne lassen sich auch durch Prozessinnovationen steigern. Anders gefragt: Welche Rolle kommt der Digitalisierung in der Bauwirtschaft zu?

Auf den Baustellen befinden wir uns meiner Meinung nach auf einem guten Weg. Auf Mass vorgefertigte Elemente gehören genauso zum Alltag wie der Einsatz von Drohnen. Doch im rückwärtigen Bereich, bei Planung und Vorbereitung der Baumassnahmen haben wir noch viel Luft nach oben.

Sprechen Sie das Building Information Modeling (BIM) an?

BIM ist nur ein Werkzeug. Im Kern geht es darum, den Planungs-und Bauprozess neu zu denken. Heute arbeiten wir sequentiell, nach dem Wasserfallprinzip: Der Bauherr formuliert seine Wünsche, der Architekt übersetzt sie in Pläne und die Bauunternehmen führen diese Pläne aus. Dieses Vorgehen macht die Branche ineffizient. In Zukunft müssen wir das Know-how der ausführenden Unternehmen schon in die Planung einfliessen lassen. Das Optimierungspotential ist enorm.

Droht den Architekten und Fachplanern damit nicht ein Bedeutungsverlust?

Bisher waren die Planer allein für die Interpretation des Bauherrenwillens zuständig. Das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Wir werden interdisziplinär. Davon bin ich überzeugt.

Andere Branchen sind auf dem Weg zur Automatisierung schon erheblich weiter als die Bauwirtschaft. Beginnt die grosse Aufholjagd? 

Wir stehen am Anfang. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass wir das Potential zu 10 bis 15 Prozent ausgeschöpft haben. Es wird ein Langstreckenlauf. Aber die Anstrengung wird sich lohnen. Auf die Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels musste die italienische Schweiz auch lange warten. Jetzt ist es so weit und ich fahre von Lugano mit einer Flachbahn zu Sitzungen nach Zürich.

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Schweizerischer Baumeisterverband

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