«Die Schweiz wird im 2021 wieder stark wachsen»

Wie entwickelt sich der Hochbau in den nächsten Monaten und Jahren? Im Interview gibt Hervé Froidevaux, Leiter der Niederlassung Genf von Wüest und Partner, Auskunft.  Noch nie waren die Leute so viel zu Hause wie aktuell. Corona hat zu einer Aufwertung des Wohnraums geführt. Welche Konsequenzen hat das für den Wohnungsmarkt?

Hervé Froidevaux: Die Suche nach neuen Wohnräumen hat sich intensiviert, etwas mehr Bewegung im Markt ist zu erwarten.

Wo werden hauptsächlich Wohnungen gesucht?

Neben den bekannten beliebten Wohngegenden in der Nähe der Arbeitsplätze und der Infrastrukturen gibt es neu einen Anstieg der Nachfrage nach Wohnraum in kleinen und mittelgrossen Städten. Dort gibt es auch Infrastrukturen, die Preise sind aber günstiger und die Erholungsgebiete sind in direkter Reichweite. Insbesondere bei Einfamilienhäusern haben sich auch die Suchabos für die peripheren, grünen Gebiete vermehrt. Das ist eine direkte Folge der neuen Home-Office-Gewohnheiten.

Wohnen auf dem Land wird beliebter – wird das die Leerstände im Mittelland verkleinern?

Voraussichtlich nur in den kleinen Städten und in den Bergen. Infrastrukturen oder tolle Landschaften mit Freizeit-Angeboten sind gefragt.

Aktuell gibt es eine vermehrte Nachfrage nach Wohneigentum. Mieten sinken, es gibt Leerstände. Was müsste passieren, damit leerstehende Wohnungen als Eigentumswohnungen verkauft werden könnten? Könnte sich das für die Bauherren/Vermieter lohnen? Was sind die Hürden? 

Das grosse Angebot an Mietwohnungen kommt aus dem sehr belebten Investoren-Markt. Es ist für Promotoren bequem, einen Käufer aus vielen Interessenten auszusuchen, anstatt Wohnungen einzeln zu verkaufen – zumal die Preise für Anlageimmobilien zurzeit sehr hoch sind. Wohneigentum ist aufgrund der hohen Nachfrage aber wieder ein Thema bei Neubau-Projekten. Leerstehende Wohnungen in einem teilvermieteten Mehrfamilienhaus zu verkaufen ist aber schwierig, da das Eigentum und somit die Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird. Bei einzelnen Kantonen ist die Veräusserung von Mietwohnungen gar juristisch in gewissen Fällen untersagt, das betrifft die Kantone Waadt, Genf und Neuenburg.

Welche Wohnbauprojekte haben Aussicht auf Erfolg?

Die Lage muss stimmen, die Qualität muss mit dem Preis und die Typologien mit der neuen Nachfrage in Einklang sein. Jedes Bauprojekt muss zudem eine Antwort auf die aktuellen klimatischen Fragen bringen und so nachhaltig wie möglich sein. Die Nutzer aber auch die Investoren verlangen das heute. Zusätzliche Wohnbereiche fürs Home-Office, gute Aussenräume sowie einfach zugängliche Veloräume sind zum Beispiel im Trend.

Es gibt eine Tendenz, dass Leute vermehrt Zweitwohnungen haben, also eine städtische Wohnung und eine auf dem Land, im Jura, zum Beispiel. Können Sie diesen Trend auch beobachten?

Ja. Wir haben alle die Schweiz oder noch unbekannte Teile davon neu entdeckt. Die Natur ist wieder ins Zentrum unseres Leben gerückt. Das spricht für Zweitwohnungen, auch an weniger exklusiven dafür bezahlbaren Standorten. Wenn alles unsicher wird, ist eine Landparzelle eine sehr beruhigende Investition.

Was bedeutet das für die Bautätigkeit? Wird es einen vermehrten Bedarf an Wohnungen geben?

Die Zusatznachfrage wird nicht steigen. Aber die Nachfrage verlagert sich. Auch bisher schwierigere Lagen ausserhalb der grossen Agglomerationen oder Wohnungstypen wie die Vierzimmerwohnungen sind wieder stark nachgefragt. Die Krise bringt nicht nur Risiken, sondern auch Chancen für den Markt. Wer ihn spürt, kann auch gewinnen.

Werden künftig grössere Wohnungen gebraucht? Was geschieht mit Wohnungen aus den 1960er und 1970er Jahre mit einem ungünstigen Querschnitt? Werden die noch nachgefragt?

Die Wohnungen müssen nicht grösser sein, aber einen Arbeitsbereich und Aussenräume anbieten. Die Wohnfläche darf vernünftig bleiben – dann bleiben auch der Preis oder die Miete bezahlbar.

Wie entwickelt sich der Gewerbebau?

Auch hier ist der Strukturwandel beschleunigt worden. Logistik ist im Trend. Die letzte Meile muss von den Immobilieninvestoren beherrscht werden, so wie auch neue Mobilitätshubs in den Agglomerationen antizipiert und kreiert werden müssen.

Gerade im Gastrobereich wird es viele Konkurse geben. Wie wird sich die Abnahme der KMUs auf den Hochbaubereich auswirken?

Die Gastronomie-Probleme sind ein schmerzhaftes, aber kurzfristiges Phänomen; Hochbau ist ein langfristiges Abenteuer. Die Entwicklung der Arbeitsplätze, des Home-Office ist eher eine Herausforderung als die temporäre Gastronomie-Krise.

Warum ist es für Investoren nach wie vor interessant, in den Hochbau zu investieren?

Weil die Krise auch Chancen auf eine Neupositionierung bringt und weil die Schweiz 2021 wieder stark wachsen wird.

Gibt es in der Romandie eine andere Entwicklung als in der Deutschschweiz? 

Marktzyklen, Mietrecht, Transaktionskosten, alles ist in der Romandie etwas intensiver, aber umso spannender!

 

Über den/die Autor/in

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Susanna Vanek

Redaktion «Schweizer Bauwirtschaft»

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