Eine Strasse macht eine ganze Region lebenswerter

Wilderswil (BE) entsteht eine neue Umfahrung, die als multifunktionales Jahrhundertprojekt bezeichnet werden darf. Sie befreit nicht nur das kleine Dorf vom Durchgangsverkehr, sondern leistet auch einen Anschluss ans Gewerbegebiet und übernimmt Aufgaben im Hochwasserschutz. 

Der Schweizer Baumeisterverband SBV befragte im Rahmen seines im 2022 stattfinden 125-Jahres-Jubiläums im Tour d‘horizon die Schweizer Bevölkerung zur künftigen Entwicklung der Schweiz. Die Auswertung der Umfrage hat ergeben, dass die Schweizerinnen und Schweizer einerseits in Sachen Mobilität weiterhin das Auto bevorzugen und dass sie andererseits sich für die Freizeitgestaltung gerne in die Natur begeben. Gleichzeitig wurde auch gefordert, dass Randregionen in ihrer Entwicklung gefördert werden sollen. Eine neue Umfahrungsstrasse, die freie Fahrt zum Jungfraujoch garantieren wird, trägt dem allem Rechnung.

Wilderswil ist eine malerische Ortschaft im Berner Oberland. Schmucke Holzhäuser säumen die Durchgangsstrasse, eine Holzbrücke überquert die Lütschine. Vom Bahnhof aus fährt eine Zahnradbahn zum Aussichtspunkt Schynige Platte. In der Ferne sieht man das Jungfraujoch. Der Gipfel ist mit ein Grund, warum es in Wilderswil sehr häufig alles andere als gemächlich zu und her geht: An verkehrsreichen Tagen staut sich der Freizeitverkehr im Dorf. Über 15 000 Motorfahrzeuge queren und belasten täglich das 2700 Einwohner zählende Dorf.

Aufwertung des Lebensraums 

In Wilderswil war eine Umfahrung seit 1955 ein Thema. 2005 kristallisierte sich ein anderes Problem heraus: Das Dorf wurde von der Lütschine überschwemmt. Es war klar, dass in Sachen Hochwasserschutz etwas getan werden musste. Die ungewohnte Idee kam auf, das Umfahrungsprojekt mit dem Hochwasserschutz zu verbinden. So wird der in der Umfahrung vorgesehene 540 Meter lange Strassentunnel künftig bei sehr massivem Hochwasser auch als Abflusskorridor für überschüssiges Wasser dienen. Dieses wird gezielt durch den zuvor natürlich für den Verkehr gesperrten Tunnel geleitet, womit Schäden im Dorf vermieden werden. Damit wird das Hochwasserschutz-Konzept Lütschine-Bödeli abgeschlossen.

Gleichzeitig wird als Synergienutzung die Erschliessung des Gewerbegebietes Flugplatz mit ins Projekt integriert. So kann sich die Region wirtschaftlich besser entfalten und bekommt eine Aufwertung. Als weiterer Mehrwert des Projektes ist zu nennen, dass die Strasse nach Grindelwald und Wengen im Zuge der Arbeiten einen separaten Veloweg erhalten soll, dass also eine Verkehrsentflechtung stattfinden wird. Die Umfrageergebnisse des SBV im Tour d’horizon zeigen, dass die Schweizerinnen und Schweizer eine möglichst flächendeckende Entflechtung des Verkehrs wünschen.

Rücksicht auf die Anwohnerinnen und Anwohner 

Die Ausführung der Arbeiten bei der Umfahrung Wilderswil ging an eine ARGE der Firmen Frutiger, Ghelma, Ghelma Spezialtiefbau und Gerber + Troxler. Bauarbeiten sorgen für Lärm und Emissionen. Im Falle der Umfahrung Wilderswil sollen diese möglichst reduziert werden. Eine umsichtige Planung und die Kompetenz der Bauunternehmer ermöglichen eine Vorgehensweise, die die Einwohnerinnen und Einwohner von Wilderswil so weit wie möglich schont. Dazu gehört, dass die Logistik auf der Baustelle erfolgt, der Aushub, der wiederverwendet wird, also innerhalb der Baustelle transportiert wird. Dazu wurden eine provisorische Strasse und Bücke erstellt. Insgesamt 142 000 Kubikmeter Aushubmaterial werden so auf der Baustelle bewegt. Demgegenüber mussten noch 12 000 Kubikmeter Beton auf die Baustelle gebracht werden.

Die Bauarbeiten erfolgen weiter mit Berücksichtigung des Bodenschutzes. Einerseits wurden Massnahmen gegen eine Bodenverdichtung getroffen, andererseits wurde der fruchtbare Boden abgetragen. Er wird zum Ende der Arbeiten wieder aufgeschichtet. So können die Landwirtschaftsflächen geschont werden.

Tunnel sehr schnell erstellt 

Die Projektierung sah vor, dass unter die Bahngeleise der BOB-Linie ein Tunnel kommen soll. Die Knacknuss dabei war, dass die bei Touristen beliebte Strecke nicht lange unterbrochen werden sollte. Deshalb kam die Deckelbauweise zum Einsatz: Auf zuerst erstellten Bohrpfählen aus armiertem Ortbeton wurde, noch vor dem Aushub, die spätere Decke des Tagbautunnels betoniert. Die eigentliche Schalung wurde durch vorfabrizierte Betonteile ersetzt. Damit konnte nochmals Zeit gespart werden. So dauerte der Bahnunterbruch lediglich fünf Wochen, was auch den Anwohnerinnen und Anwohnern zugutekam. Der eigentliche Aushub erfolgte, als die Züge längst wieder verkehrten. Damit die Zufahrt zur Schule immer garantiert werden kann, kam ebenfalls die Deckelbauweise zum Einsatz. Insgesamt wird der Tunnel 570 Meter lang sein. Teilstrecken werden in einem konventionellen Verfahren mit Nagelwand gefertigt.

Andere Probleme wurden pragmatisch gelöst. Eine Abwasserleitung führt dort durch, wo der Deckel des Tunnels hinkommt. Mit einem Düker wird das Abwasser unter dem Bauwerk hindurch geleitet.

Gut im Zeitplan 

Die Umfahrungsstrasse kostet 75 Millionen Franken, der Direktanschluss Gewerbegebiet Flugplatz 13,5 Millionen Franken und die Hochwasser-Entlastung Wilderswil 3,3 Millionen Franken. Das Bauwerk ist bisher trotz einem ambitionierten Fahrplan gut im Zeitplan drin.

Die Umfahrung soll 2023 in Betrieb genommen werden. Die Arbeiten werden noch bis 2024 andauern, weil etwa die Gsteigstrasse noch instand gestellt werden muss.

Über den/die Autor/in

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Susanna Vanek

Redaktion «Schweizer Bauwirtschaft»

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