Lernende: Leitet Corona die Trendwende ein?

Die Coronakrise führt dazu, dass Jugendliche vermehrt Lehrverträge in den Branchen abschliessen, in denen es offene Stelle hat, die krisenresistent sind und die ihnen Zukunftsperspektiven bieten. Was bedeutet das für das Bauhauptgewerbe?  

Wegen der demographischen Entwicklung – Pensionierungen der Babyboomer – werden im 2021 erstmals mehr Personen pensioniert als es Berufseinsteiger gibt. Damit besteht die Gefahr, dass Fachleute künftig fehlen werden. Das Bauhauptgewerbe ist von dieser Entwicklung besonders stark betroffen: In den nächsten zehn bis 15 Jahren gehen 42 Prozent der Poliere in Pension. Demgegenüber beträgt der Anteil an Baupolieren unter 40 Jahren nur knapp 31 Prozent. Eine Besserung ist nicht in Sicht, weil die Zahlen der Lernenden stark rückläufig sind. Haben im Jahr 2010 noch 1200 Oberstufenschülerinnen und -schüler eine Lehre als Maurer begonnen, waren es im Jahr 2019 nur noch etwas mehr als 700.

Hat Corona die Karten neu gemischt? 

In der aktuellen Situation mit der Corona-Pandemie mussten einige Branchen starke finanziellen Einbussen hinnehmen. Für die Jugendlichen auf Stellensuche, wiederum, war dieses Frühjahr aufgrund des Lockdowns schwierig. Allerdings hatten sehr viele Jugendliche zum Zeitpunkt des Lockdowns bereits den Lehrstellenvertrag unterschrieben. Düsterer sieht hingegen die Zukunft aus. Mehr als 20 000 Stellen könnten verschwinden, titelte der «Bund» am 9. Mai 2020. Demgegenüber steigt die Zahl der Schulabgänger – dies im Gegensatz zu früheren Krisenjahren. Zahlreiche Jugendliche könnten aufgrund der Coronakrise Mühe bekunden, eine Lehrstelle zu finden. Die Frage stellt sich: Hat Corona die Karten neu gemischt?

Chance ist da 

Samuel Lüthi von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) sagt: «Die langfristigen Perspektiven für Lehrstellensuchende sind problematisch, zumal wieder mehr Jugendliche die Schule verlassen.» Er denkt, dass dies für Branchen, die in den letzten Jahren offene Lehrstellen nicht zu besetzen vermochten, eine Chance bildet.

Curdin Pfister, Projektleiter im Bereich Bildung beim SBV, hat die Zahlen analysiert. Er stellt fest, dass sich die Lernendenzahlen für Maurer EFZ im Jahr 2020 über dem Vorjahresniveau einpendeln. So gab es im Jahr 2019 715 Lehranfänger, während es dieses Jahr 748 sind. Der Negativtrend, der in den letzten Jahren beobachtet wurde, konnte so durchbrochen werden. Gab es seit 2011 durchschnittlich jedes Jahr 6 Prozent weniger Lehrbeginner - in den letzten fünf Jahren lag der Negativtrend gar bei minus 9 Prozent - zeigte sich im 2020 im Vorjahresvergleich ein Plus von nicht ganz 5 Prozent.

Anders sieht die Situation bei den Lernenden EBA aus. Dort gab es im Jahr 2019 sehr viel mehr junge Leute, die diesen Ausbildungsweg wählten. Diese hohe Zahl konnte in diesem Jahr nicht erreicht werden.

Gekommen, um zu bleiben? 

Wie die weiteren Prognosen sein werden, steht derzeit noch nicht fest. Für Lüthi wird entscheidend sein, wie sich die Pandemie weiterentwickelt. Für Pfister wird die Rekrutierung von Berufslernenden im kommenden Jahr erneut herausfordernd und erfordert wohl – Corona-bedingt – viel Flexibilität und Kreativität. Das Jahr 2021 berge aber auch viel Potenzial, den Negativtrend in den Lernendenzahlen erneut zu durchbrechen. Er gibt jedoch auch zu  bedenken, dass beobachtet werden muss, wie viele jungen Personen die Lehre tatsächlich abschliessen und auf dem Bau bleiben. Derzeit liegt die Rate der Lehrabbrecher bei knapp 8 Prozent. Hier sind nun die Bauunternehmen gefordert, mit attraktiven Ausbildungsplätzen die Lernenden bei der Stange zu halten. So kann die Krise als Chance genutzt werden.

Der SBV seinerseits macht via die Berufswerbungskampagne auf den Sozialen Medien die Jungen und ihre Eltern auf die Möglichkeiten, die Bauberufe bieten, aufmerksam. Im Jahr 2020 wurden diese Beiträge, in denen hauptsächlich junge Berufsleute berichten, bis zum 1. Dezember 2020 insgesamt über 14 Million mal angeklickt. Es kam zu 5,6 Millionen Interaktionen.

Darauf können die Bauunternehmer nun zugunsten einer Trendwende aufbauen.

Über den/die Autor/in

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Susanna Vanek

Redaktion «Schweizer Bauwirtschaft»

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