«Nachhaltige Lösungen bieten einen Mehrwert»

Im Gespräch erläutert Implenia-CEO André Wyss, warum sein Unternehmen seit mehr als 10 Jahren die Nachhaltigkeit hoch gewichtet und dass sich soziale Massnahmen gut in Bauprojekte integrieren lassen.  Implenia, das grösste Schweizer Bauunternehmen, hat in der Lokstadt das Zertifikat der 2000-Watt-Areal entgegengenommen. Welchen Stellenwert hat die Nachhaltigkeit für Implenia? 

André Wyss: Nachhaltigkeit ist seit 2009 integraler Bestandteil unserer Unternehmensstrategie und seit 2012 berichten wir im Nachhaltigkeitsbericht (sustainability.implenia.com) regelmässig über unsere Aktivitäten. Nachhaltigkeit ist neben Kollaboration, Exzellenz, Agilität und Integrität einer unserer fünf Kernunternehmenswerte. Wir schreiben mit nachhaltigen Bauwerken und Quartieren wie der Lokstadt Geschichte. Für mich persönlich ist Nachhaltigkeit auch eine Handschrift, die ich hinterlasse und die fortbestehen soll, selbst wenn ich einmal nicht mehr Chef von Implenia bin.

Welche Bedeutung hat der gebaute Raum für das Klima?  

In einer Bevölkerung, die stetig wächst, muss für das Wohnen, das Arbeiten und die Mobilität der Menschen gebaut werden. Die Frage ist deshalb nicht ob, sondern wie man baut. Nachhaltig entwickelte Stadtteile, verdichtetes Bauen mit erneuerbaren Rohstoffen, wie zum Beispiel Holz sowie Technologien, die eine Immobilie nicht nur in der Erstellung, sondern auch im Betrieb energieeffizient machen, sind dem Klima förderlich.

Welche Rolle nehmen Bauunternehmen ein?

Früher haben Baufirmen vor allem darauf geachtet, dass der Lastwagen oder der Bagger nicht zu viel Treibstoff verbrauchen. Bei Implenia ist Nachhaltigkeit heute ein integraler Bestandteil der gesamten Wertschöpfungskette. Nicht nur die Ressourcen müssen umsichtig genutzt und beschafft werden, auch das fertige Bauwerk soll im Betrieb nachhaltig sein – und am Ende seines Lebenszyklus recycelt werden können. Wichtig ist uns zudem, dass wir nicht nur ökologisch und wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich nachhaltig sind. Die Menschen sollen sich in unseren Bauten wohlfühlen, in unseren Quartieren gut zusammenleben – und natürlich als Mitarbeitende gerne und sicher für uns arbeiten.

Wie nehmen Sie das Verhalten der Baubranche in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz wahr?

Ich stelle in der Baubranche momentan ein Umdenken fest. Einerseits steigt die Nachfrage unserer Kunden nach nachhaltigen Lösungen. Das zeigt sich insbesondere an der zunehmenden Anzahl zertifizierter Gebäude. Andererseits erkennen immer mehr Bauunternehmen, dass sie dank nachhaltigen Lösungen nicht nur ihre Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt wahrnehmen können, sondern dass Nachhaltigkeit ein Differenzierungsmerkmal ist, das sich auch wirtschaftlich lohnt. Bei Implenia sind wir stolz darauf, dass das Thema nun schon seit über zehn Jahren in unserer Organisation und unseren Kernprozessen verankert ist.

Ist die Nachhaltigkeit etwas, das man tun muss, das aber weh tut, oder rechnet sie sich?

Nachhaltige Lösungen kosten heute tendenziell noch mehr als konventionelle, bieten aber auch einen klaren Mehrwert. Ein Bauherr oder Investor muss bereit sein, in Nachhaltigkeit zu investieren. Aktuell ist das sowohl bei privaten als auch bei öffentlichen Bauherrn immer häufiger der Fall. Beim nachhaltigen Bauen werden oft neue, auch innovative Produkte oder Verfahren eingesetzt, die in der Praxis noch nicht oder wenig erprobt sind. Dies wird meist durch neue Planungs-, Preis- und Vertragsmodelle abgegolten, um für alle Parteien tragbar zu sein. Eine nachhaltige Bauweise zahlt sich in der Regel erst im Betrieb aus.

Was kann man tun, damit sie sich rechnet? Was sind die Hürden auf dem Weg, dass sich die Nachhaltigkeit rechnet?

Ein wichtiger Schritt ist, dass man mit sämtlichen Akteuren spricht und zusammen integrale Lösungen entwickelt. Lösungen also, die sich nicht nur auf eine Projektphase positiv auswirken, sondern auf den ganzen Lebenszyklus einer Immobilie oder Infrastruktur. So können höhere Investitionen bei der Entwicklung oder in der Realisierung zu substanziellen finanziellen Einsparungen im Betrieb führen. Lebenskostenanalysen, welche die gesamten Kosten eines Bauwerks berücksichtigen, werden daher immer wichtiger. Wichtig ist, dass alle Beteiligten die Vorteile erkennen und eine längerfristige Sichtweise einnehmen. Dies wird unter anderem durch neue Partnerschaftsmodelle erreicht.

Welche Rolle spielt der Mensch für Implenia? 

Der Mensch steht für uns klar im Zentrum. Unsere Mission stellt den Menschen in den Mittelpunkt und heisst: mit und für Menschen nachhaltig Immobilien zu entwickeln sowie Gebäude und Infrastruktur zu bauen, um deren Bedürfnisse an modernes Wohnen, Arbeiten und Reisen zu erfüllen. Und schliesslich können wir nur mit kompetenten, gesunden und zufriedenen Mitarbeitern für unsere Kunden Top-Leistungen erbringen. In den letzten Jahren hat Implenia deshalb viel in Arbeitssicherheit, Mitarbeiterentwicklung sowie Weiterbildung investiert.

45 Prozent des Energieverbrauchs stammen vom Gebäudepark. Man könnte diese Zahl senken, wenn man mehr Ersatzneubauten realisieren würde, weil Neubauten energetisch deutlich besser sind ls ältere Gebäude. Werden aber Ersatzneubauten geplant, dann regt sich häufig Widerstand. Woran liegt das, denken Sie?  

Ob Alt- oder Neubau hängt letztlich von individuellen Präferenzen ab. Natürlich sind Baustellen insbesondere in urbanen Regionen nicht immer angenehm und daher zum Teil auch nicht erwünscht. Allerdings denke ich, dass ein Grossteil der Bevölkerung effizienten und umweltfreundlichen Gebäuden positiv gegenüber steht und Verständnis hat für den Sanierungsbedarf. Teils fehlen aber auch Anreize für Eigentümer, die Gebäude zu sanieren.

Was könnte man dagegen tun? Wie müssten die politischen Rahmenbedingungen sein, damit mehr energetisch schlechte Gebäude durch energieeffiziente Bauten ersetzt würden?  

Um die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen, müssen wir die jährliche Sanierungsrate in der Schweiz von rund 1% mehr als verdoppeln. Hier wird über das Gebäudeprogramm schon einiges unternommen. Zudem wird es durch das kürzlich verabschiedete CO2-Gesetz weiter gestärkt. Um das Ziel der Energiestrategie 2050 zu erreichen, müssen sich zum Beispiel energetische Sanierungen für den Eigentümer lohnen. Heute werden Energiekosten für Strom und Wärme über die Nebenkostenabrechnung an den Mieter verrechnet. Der Eigentümer profitiert daher nur in geringerem Masse von umgesetzten Energieeffizienzmassnahmen. Hier bräuchte es neue Finanzierungsmodelle.

Welche Anstrengungen unternimmt Implenia in Sachen nachhaltiges Bauen?

Unsere eigene Nachhaltigkeitsabteilung mit Spezialisten aus allen Bereichen erstellt massgeschneiderte Nachhaltigkeitskonzepte für die Projekte und berät unsere operativen Divisionen und unsere Kunden integral und über alle Phasen unserer Bauprojekte. Ein gruppenweites Nachhaltigkeits-Komitee setzt für Implenia zudem eigene Nachhaltigkeitsziele und überwacht diese laufend. Für Projekte, die wir selbst entwickeln, setzen wir uns hohe Nachhaltigkeitsanforderungen und haben dafür auch das eigene Bewertungsinstrument GeNaB® geschaffen. Zusätzlich gehen wir auch entsprechende Partnerschaften ein: beispielsweise sind wir Gründungspartner des Netzwerks Nachhaltiges Bauen Schweiz und haben auch den «Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz» (SNBS) mitentwickelt. In unserem Nachhaltigkeitsbericht sind die wichtigsten Aktivitäten unter «Nachhaltige Produkte und Dienstleistungen» genannt.

Welche besonders nachhaltigen Projekte hat Implenia realisiert? 

Neben der bereits genannten Lokstadt in Winterthur, für die wir kürzlich das Zertifikat 2000-Watt-Areal entgegennehmen durften, bauen wir zum Beispiel in der Westschweiz gleich zwei neue, umweltfreundliche Stadtteile: Das Green Village im internationalen Viertel von Genf und das Quartier de l’Etang in Vernier. Hier arbeiten wir mit verschiedenen Interessensgruppen eng zusammen – Umweltorganisationen, Forschern, Bauexperten, aber auch späteren Nutzern. Ziel sind zukunftsweisende Lebensräume, in denen sich auch die Natur entfalten kann, indem man auf Biodiversität achtet. In der Deutschschweiz realisieren wir zudem ein spannendes Projekt mit V-Zug Immobilien: Das erste Holzhochhaus der Schweiz, momentan wäre es das dritthöchste der Welt, mit tragenden Elementen aus Holz, rund 80 Meter hoch. Neben etlichen Grossprojekten mit erfolgreichen Minergie-Zertifikaten, haben wir in den vergangenen Jahren auch vermehrt Erfahrungen mit internationalen Labels gesammelt. So wurde der Andreasturm in Oerlikon nach DGNB Platin oder der sanierte UBS-Hauptsitz in Zürich nach LEED Platin zertifiziert.

Am 1. Januar 2021 tritt das revidierte BöB in Kraft. Bei Vergaben werden künftig Umweltaspekte eine Rolle spielen. Ein solches Vergaberecht gibt es bereits in Norwegen, wo Implenia ebenfalls tätig ist. Ihre Erfahrungen damit? 

Ein öffentliches Vergaberecht, das Umweltaspekte mitberücksichtigt, belohnt dasjenige Unternehmen, das die besten Umweltmassnahmen anbietet. Beispielsweise müssen wir in Norwegen die Umweltemissionen jedes Projekts prognostizieren, Effizienzmassnahmen vorsehen und deren Wirkung im Projekt aufzeigen. Dieser zusätzliche Aufwand in der Angebotserstellung sowie in der Ausführung wird bei der Vergabe entsprechend gewürdigt. Hier sind unsere Kollegen in Norwegen definitiv einen Schritt weiter. Wir freuen uns, von diesen Erfahrungen zu profitieren und können sie auf Projekte in anderen Ländern übertragen.

Ist das neue BöB demnach ein Gewinn für die Baubranche?  

Ja, denn es fördert nachhaltiges Bauen und schafft einen Anreiz, dass sich die gesamte Bauindustrie in diese Richtung bewegt. Für Unternehmen wie Implenia, bei denen nachhaltiges Bauen bereits gut verankert ist, sicher ein zusätzlicher Gewinn.

Über den/die Autor/in

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Susanna Vanek

Redaktion «Schweizer Bauwirtschaft»

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