Verdichtung mit Nachhaltigkeit und Lebensqualität in Einklang bringen

Als Schlüsselakteur für die Erreichung der Klimaziele der Schweiz arbeitet der Bausektor aktiv mit verschiedenen Anspruchsgruppen zusammen, um ein gleichzeitig harmonisches, nachhaltiges und erschwingliches Wohnumfeld für die Bevölkerung zu schaffen.

 

Zu diesem Zweck haben Implenia und WWF Schweiz 2018 den Schweizerischen Verein Für One Planet Living Quartiere gegründet. Sehr schnell schloss sich eine Vielzahl verschiedener weiterer Akteure dem Verein an: Baubetriebe und Dienstleistungsanbieter, aber auch öffentliche Körperschaften, NGOs, Investitionspartner und Promotoren sowie Wohngenossenschaften.

Das Ziel des Vereins ist die Förderung neuer nachhaltiger Quartiere, die den ökologischen Fussabdruck der Bewohnerinnen und Bewohner verringern und ein angenehmes Wohnumfeld mit hoher Lebensqualität schaffen. Um dies zu erreichen, hat der Verein einen von der internationalen Methodik «One Planet Living» (Anm. d. Red.: «Leben auf einem einzigen Planeten») inspirierten Zertifizierungsansatz mit dem Namen Seed (Anmerkung der Redaktion: «Samen» auf Deutsch) entwickelt.

Bei diesem Ansatz fliessen die Interessen aller Anspruchsgruppen in einen Aktionsplan für Nachhaltigkeit ein, der mittels partizipativer Verwaltung konkrete Resultate erzielt. Dieser Aktionsplan wird mindestens von der Gemeinde, dem Bauherren sowie dem Schweizerischen Verein Für One Planet Living Quartiere unterschrieben. Die zuvor ausgearbeitete tripartite Vereinbarung bindet alle Beteiligten eng in das Projekt ein und dient gleichzeitig als Verhandlungsgrundlage sowie der Gesprächsstrukturierung.

Ein spezifischer Aktionsplan für jedes Projekt

Der Seed-Ansatz beruht auf sechs Grundsätzen, die sich in 30 Ziele gliedern. Für jedes Projekt werden die Mittel zur Erreichung der Vorgaben in einem Aktionsplan für Nachhaltigkeit festgelegt. Diese Grundsätze reichen von der Energieeffizienz in allen Projektphasen über lokale und nachhaltige Baumaterialien, die Verfügbarkeit von lokalen Läden und natürlicher öffentlicher Lebensräume oder auch eine optimale Zugänglichkeit, die umweltschonende Mobilität mit anderen Transportarten vereint, bis hin zur nachhaltigen Wassernutzung und Abfallbewirtschaftung – immer mit dem Ziel, den Bewohnerinnen und Bewohnern ein angenehmes Wohnumfeld zu bieten.

Investoren wie auch Mietparteien müssen auf ihre Kosten kommen

Zusätzlich zum rein ökologischen Aspekt fördert der Ansatz ausserdem die lokale Wirtschaft und die soziale Durchmischung. «Zu diesem Zweck bieten wir differenzierte Investitionsmodelle je nach Projekt. Damit nachhaltige Quartiere entstehen können, müssen Investoren auf marktübliche Renditen zählen können. Parallel dazu wollen wir den Mieterinnen und Mietern marktfähige Mietzinse und Nebenkosten bei gleichzeitig höherer Qualität bieten können», sagt François Guisan, Leiter der Entwicklung des Schweizerischen Vereins Für One Planet Living Quartiere.

Der pragmatische Ansatz berücksichtigt die Realität des jeweiligen Ortes und ist weit entfernt von radikalen Konzepten, die sich nur eine Handvoll Privilegierte leisten könnte. «Die Ziele, die für jedes Projekt festgelegt wurden, müssen ganzheitlich auf dem gesamten Quartiergebiet erreicht werden. Das bedeutet, dass einige Leistungen hier und da geringer ausfallen können, vorausgesetzt, sie werden durch andere ausgeglichen. So können die festgelegten Werte insgesamt erreicht werden», sagt François Guisan. Die Qualität des Projekts wird dadurch keineswegs geschmälert, denn die Leistungen werden während aller Projektphasen – Entwurf, Planung, Umsetzung und Betrieb – überwacht.

Erste Projekte in der Westschweiz

Das Quartier Gruvatiez in Orbe im Kanton Waadt ist das erste nachhaltige Quartier in der Schweiz mit einer Seed-Zertifizierung. Die Bauarbeiten laufen seit 2018 und die ersten sechs Gebäude mit über zweihundert Wohnungen und Geschäften stehen bereits. Obwohl es sich um ein Pilotprojekt handelt, hat das Quartier zahlreiche Vorteile. Zum Beispiel wurde der für den Bau verwendete Beton aus dem vor Ort gewonnenen Aushub hergestellt. Ebenso wurde viel Wert auf eine nachhaltige Wasserversorgung gelegt: 70 Prozent der Parzellenoberfläche ist wasserdurchlässig.

Das Projekt befindet sich schon in der zweiten Phase, in der ein Teil des wirtschaftlichen Entwicklungszentrums im Quartier Orbe-Chavornay abgerissen wird. Anschliessend wird diese Zone ebenfalls verdichtet. Geplant sind dort Seniorenresidenzen sowie eine Schule. In der dritten und letzten Phase soll schliesslich ein Alters- und Pflegeheim entstehen. Damit wird der erwünschte Programm-Mix erreicht und das Thema soziale Diversität wird aufgegriffen.

Weitere Seed-Projekte befinden sich in der Umsetzung. In Marly im Kanton Freiburg haben die Bauarbeiten auf dem Gelände der alten Papiermühle begonnen. An diesem Standort werden ein Innovationszentrum für rund 2000 Nutzerinnen und Nutzer sowie ein Wohnraum mit kleinen lokalen Geschäften und direkter Anbindung zum Dorf Marly entstehen.

Im Genfer Quartier Grand-Saconnex wird das Eigentum des Ökumenischen Rats der Kirche stark verdichtet. Bis zum Abschluss soll das Projekt «Grand Saconnex – Green Village» ein Hotel, ein Wohngebäude sowie mehrere Geschäftsgebäude vorwiegend für internationale Organisationen umfassen.

Auch auf der anderen Seite der Saane sind bereits verschiedene Projekte in Planung. Den Seed-Quartieren dürfte also auch bald der Sprung in die Deutschschweiz gelingen.

Über den Autor

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Corine Fiechter

Kommunikationsverantwortliche SBV Romandie

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