Wenn Abfall zu einem Wertstoff wird

Strassen und Schienen nur dort auszubauen, wo sich der Verkehr staut, reiche nicht. Auch in den Randregionen brauche es einen Ausbau, betonte die Baudirektorin des Kantons Thurgau an der Infra-Tagung. Die Tagung in Luzern ist das wichtigste Branchentreffen des Schweizer Infrastrukturbaus.

Sollen die Verkehrsinfrastrukturen vor allem in den Zentren, wo die Züge und Strassen am stärksten überlastet sind, ausgebaut werden? Nicht nur, meinte Carmen Haag, Regierungsrätin und Leiterin Departement für Bau und Umwelt des Kantons Thurgau. Zusätzliche Kapazitäten auf Strassen und Schienen brauche es auch in den Randregionen. Regionalpolitische Überlegungen und Allianzen hätten in der Schweizer Verkehrspolitik grosses Gewicht. Das hätten die Erfahrungen mit der Bodensee-Thurtalstrasse gezeigt. Für Mässigung beim Ausbau von Infrastrukturen plädierte hingegen Michel Huissoud, Direktor der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK). Die Interessen der Akteure bei Investitionen der öffentlichen Hand seien stets zu hinterfragen. «Wir müssen uns im Klaren sein, dass die kommenden Generationen den Unterhalt der von uns geerbten Infrastrukturen bezahlen müssen. Es liegt darum in unserer Verantwortung, mit dem Verzicht auf überflüssige Infrastrukturen zu beginnen», betonte Huissoud.

Neue Kooperationsmodelle im Infrastrukturbau

«Leistungsfähige Infrastrukturen seien enorm wertvoll für die Attraktivität des Standortes Schweiz, unterstrich Nationalrat Christian Wasserfallen, Präsident von Infra Suisse. Es brauche darum die Ausbauschritte in den Agglomerationen oder bei den Nationalstrassen genauso wie die Investitionen in den Unterhalt. Bauherren und Bauunternehmen seien gefordert, die geplanten Projekte zeitgerecht und zu vernünftigen Preisen zu realisieren. «Eine fruchtbare Zusammenarbeit ist zentral», erklärte Wasserfallen. Die SBB vergebe an die Tiefbaubranche jährlich Arbeiten für rund eine Milliarde Franken, erklärte Jacques Boschung, seit 2019 verantwortlich für die Infrastrukturen bei der Bahn. Sie verpflichte sich dabei zu wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit von der Beschaffung über die Produktion und Nutzung bis hin zur Entsorgung. Angesichts des zunehmenden Bauvolumens und der immer kürzeren Zeitfenster, in denen an der Bahninfrastruktur gebaut werden kann, möchte die SBB mit anderen Kooperationsmodellen einen neuen Markt schaffen. Externe sollen mehr Verantwortung übernehmen und der SBB ihre Leistungen als Gesamtpaket anbieten.

Mehr Qualitätswettbewerb für mehr Nachhaltigkeit

Das revidierte Beschaffungsrecht stärkt den Qualitätswettbewerb gegenüber dem reinen Preiswettbewerb. Für das Schweizer Beschaffungswesen bedeute dies einen Paradigmenwechsel. Matthias Forster, Geschäftsführer von Infra Suisse, ist überzeugt: «Der Wandel muss von den Vergabestellen ausgehen.» Sie hätten es in der Hand, das Umfeld für einen echten Qualitätswettbewerb und somit für mehr Innovation und Nachhaltigkeit im Infrastrukturbau zu gestalten. Um nachhaltig zu beschaffen, brauche es keine überbordende Bürokratie, sondern effiziente, einheitliche Systeme und Standards, betonte Forster.

Öffentliche Beschaffer sollten verstärkt zur Verwendung von Recycling-Baustoffen verpflichtet werden. «In beinahe allen Bereichen sind Recycling-Produkte der Verwendung von Primärmaterial qualitativ ebenbürtig», erklärte Hansruedi Müller, Leiter Taskforce Baustoffkreislauf Regio Basel. Müller stellte aber auch klar, dass sich bei weitem nicht alle Bauabfälle zu hochwertigen Recycling-Baustoffen aufbereiten lassen. An der Planung weiterer Deponiestandorte für Aushubmaterial und Bauabfälle führe also kein Weg vorbei.

Die Infra-Tagung ist das wichtigste Branchentreffen des Schweizer Infrastrukturbaus. Politiker, Bauherren, Planer und Bauunternehmer tauschen sich über aktuelle verkehrspolitische und infrastrukturelle Themen aus. Die Tagung organisiert Infra Suisse, die Schweizer Branchenorganisation für Firmen im Infrastrukturbau.

Über den/die Autor/in

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Susanna Vanek

Redaktion «Schweizer Bauwirtschaft»

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