Wie eine Baustelle ohne Papierpläne funktioniert

Beim Neubau des Kraftwerks Schils in Flums kamen keine Papierpläne zum Einsatz, sondern Tablets mit 3D-Modellen. Das Pilotprojekt der Strabag Schweiz stösst auf grosses Interesse in der Branche.

Sind der Polier und sein Baustellenteam nicht überfordert, wenn sie Pläne digital erhalten statt wie bis anhin in Papier-form? Können sie Tablets bedienen? Stijepan Ljubicic, BIM-Manager bei Strabag Schweiz, weiss nicht, wie oft er diese Fragen schon gehört hat. Zudem wurde ihm immer wieder gesagt, dass Bauarbeiter zu dicke Finger haben, um damit mit Tablets umgehen zu können. Ljubicic liess sich von solchen Bedenken nicht aus der Ruhe bringen. Sein Ziel stand fest: Er wollte als erster im Strabag-Konzern einen Bauablauf mit einer komplett papierlosen Baustelle durchexerzieren. «Und zwar richtig, mit einem digitalen Zwilling», präzisiert er, «und nicht mit PDFs von Bauplänen, die auf Tablets geladen werden.» Darauf befinden sich demzufolge ausschliesslich dreidimensionale Ausführungsmodelle.

Intuitive Bedienung

Szenenwechsel auf die Baustelle Los 1 des Kraftwerks Schils. Konzentriert arbeiten der Polier Jonas Jucker und sein Team, konsultieren dazu immer wieder ein Tablet. Um das empfindliche Gerät zu schonen, wurde ein speziell von Strabag für diese Baustelle konzipiertes Gehäuse gebaut, das es vor Regen schützen soll. «Es läuft super», meint Jucker, der betont, die Handhabung des Gerätes sei intuitiv und dadurch einfach. Bauführer Sandro Kurath gibt zu, anfänglich ein Skeptiker gewe-sen zu sein. Er ortet einen grossen Vorteil bei der Bestellung. «Wir bestellen die Betonmenge, die hinterlegt ist und nicht sicherheitshalber noch einen halben Kubik zuviel wie bis anhin üblich. Das schont das Budget und die Umwelt.» Zwar sei die definitive Evaluation noch nicht erfolgt, so Kurath, aber er, der anfänglich dem Projekt skeptisch gegenüberstand, könne jetzt schon sagen, dass es grösstenteils erfolgreich sei. Die Eisenleger etwa könnten sich mit den 3D-Modellen besser zurechtfinden als mit Papierplänen und arbeiteten deshalb effizienter. Ljubicic hört zu und schmunzelt. «Ich denke, dass diese Art zu planen und zu bauen bald einen Standard darstellen wird», sagt er. «Private und öffentliche Auftraggeber werden immer mehr papierlos ausschreiben.» Er ortet für alle Projektbeteiligten einen Mehrwert in der Abwicklung. Anfänglich sei – so der aktuelle Stand – aufgrund der örtlichen Gegebenheiten eine kleine Änderung bei der Baugrubensicherung notwendig geworden. Die Planerin Pöyry Schweiz AG, die auch für die Erstellung der Modelle verantwortlich ist – spielte diese nach der Aufnahme auf der Baustelle über die Cloud zurück ins 3D-Modell. «Nur zwei Stunden später hatte der Polier die aktualisierte Version auf seinem Tablet und konnte die neuen Punkte mit der Totalstation modellbasiert abstecken. Darüber hat er ziemlich gestaunt, denn er war es gewohnt, dass bisher zwei Tage vergingen, bis eine Änderung soweit ausgeführt war, dass er einen neuen 2D-Papierplan in den Händen hielt. Die schnelle Möglichkeit, das Projekt gegebenenfalls an die Situation anzupassen und die neuen Daten allen rasch zuzuspielen verhindert Unterbrüche, die in der Baubranche leider häufig vorkommen. Alle haben die Gewissheit, dass sie auf dem aktuellsten Stand der Planung sind. Es kommt nicht vor, dass auf der Baustelle veraltete Pläne zirkulieren», sagt Ljubicic.

Keine rollende Planung

Apropos Planung: Die Zeiten der «rollenden Planung» sind vorbei. Vor Baubeginn muss bei der modellbasierten Vorgehensweise und der BIM-Methode alles genau festgelegt sein. «Wir haben uns in der Koordinationsphase monatlich mit den Projektbeteiligten getroffen und haben alle Probleme modellbasiert bei ICE Sessions diskutiert», so Ljubicic. Er erhofft sich von der neuen papierlosen Vorgehensweise durch die frühere Einbindung der Unternehmer eine bessere Planungsqualität und Produktivitätssteigerungen beim Bauprozess.

Bei den Prozessen stellt der modellbasierte Aushub mittels 3D-Baggersteuerung keine Innovation dar, dafür die bereits erwähnte modellbasierte Absteckung und Bewehrung. Auch die Schalungsarbeiten erfolgen ab dem Erdgeschoss modellbasiert, wobei Doka die Schalungsmodelle gemäss den digitalen Daten erstellen wird. Dabei sei es wichtig, dass der Planer die Modelle so erstelle, wie draussen gebaut werde, nämlich in Etappen. Die Eisenlisten mit den Positionsnummern seien direkt in der Cloud im Bewehrungsmodell hinterlegt. Der Polier kann so via das Tablet auf die Listen zugreifen und die Eisen direkt online bestellen. Um zu prüfen, ob die Arbeiten wie gewünscht ausgeführt wurden, nimmt Jucker die ausgeführten Bauteile mit dem Tachymeter erneut auf und spielt sie in das Modell zurück, wo ein Soll-Ist-Vergleich stattfindet. Zusätzlich gibt es für die örtliche Abnahme mit der Bauleitung eine digitale Checkliste, das daraus genierte Abnahmeprotokoll ist wöchentlich für das gesamte Projektteam online verfügbar. Das sichert die interne Qualitätssicherung und liefert eine lückenlose Bauwerksdokumentation.

Kommunikation ist zentral

Das Projekt sei seines Wissens in der Branche eines der ersten, bei dem nur via Modell gearbeitet worden sei, mein Ljubicic. Dementsprechend gespannt habe man beim Strabag- Konzern die Arbeiten verfolgt. Zentral sei bei BIM2field die Kommunikation, hält er fest. «Man muss die Menschen mitnehmen, immer wieder auch als Coach fungieren. Gleichzeitig ist es so, dass die neue Methode Vorteile aufweisen muss. Wer nur etwas ändert, damit es digital ist, wird die Leute auf der Baustelle gegen sich haben. Es muss sich auszahlen.» Ljubicic räumt in seinen Ausführungen mit dem Vorurteil auf, digitale Prozesse seien für ältere Arbeitnehmende schwerer zu bewältigen. «Wir haben einen über 50-jährigen Tiefbau-Polier, der sehr schnell mit dem Tablet umzugehen lernte.» Nach der Evaluation will Ljubicic das neu gewonnene BIM-Wissen standardisieren und skalieren. Übrigens: Beim Baulos 4 schreibt die Bauherrin St. Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG SAK die Arbeiten mittels BIM2field optional aus, was dafür spricht, dass sie das neue Verfahren überzeugt hat.

Beim Pilotprojekt handelt es sich um einen Rückbau der bestehenden Kraftwerkszentrale, den Aushub inklusive Baugrubensicherung und die Stahlbetonarbeiten für die neue Zentrale.

Über den/die Autor/in

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Susanna Vanek

Redaktion «Schweizer Bauwirtschaft»

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